„e-Learning sollte strategisch genutzt werden und nicht nur als ein Werkzeug, das alle benutzen“

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Enseignement supérieur
„e-Learning sollte strategisch genutzt werden und nicht nur als ein Werkzeug, das alle benutzen“

Tony Bates hat klare Ansichten über die Auswirkungen von Technologie auf die Universitäten. Er meint, dass e-Learning selektiv für neue Märkte oder konkrete pädagogische Zwecke genutzt werden sollte und schlägt einen strategischen Ansatz zur Implementierung des e-Learning vor.

Doktor Bates nahm Ende 2003 seinen Abschied von der University of British Columbia (UBC), Kanada, wo er als Direktor für Fernlehre und Technologie in der Abteilung Weiterbildungsstudiengänge tätig war. Jetzt hat er eine Teilzeitprofessur an der Universitat Oberta de Catalunya (UOC) in Barcelona inne. An der UOC ist er für den Aufbau eines Forschungsprogramms über e-Learning zuständig, das sich auf drei Bereiche konzentriert: Strategie, Lehre in virtuellen Umgebungen und Internetdienste und Inhaltsmanagement.

In diesem Interview lieferte uns Dr. Bates einige klare Ansichten zu vielen der Herausforderungen, die auf die Universitäten zukommen.

Lassen Sie uns mit einer prototypischen Frage beginnen: Wie sollte die Rolle der IKT in den „traditionellen“ Universitäten aussehen?

Tony Bates: Lassen Sie mich sagen, was ich gerne geschehen sehen würde. Ich würde gerne sehen, dass sich das e-Learning auf jene Bereiche konzentriert, in denen es den meisten Nutzen bringt. Es sollte strategisch eingesetzt werden und nicht allein ein Werkzeug sein, das eben alle benutzen. Wir sollten uns darüber klar sein, dass e-Learning, vor allem am Anfang, teuer und für Professoren zeitintensiv ist. Es erfordert viele Veränderungen, wenn man es richtig nutzen will.

Was meinen Sie mit strategischer Anwendung von e-Learning?

Es könnte bedeuten, e-Learning für neue Märkte zu nutzen, wie den Markt für lebenslanges Lernen, der sich selbst tragen wird. Es könnte auch heißen, IKT für konkrete pädagogische Zwecke in bestimmten Bereichen zu nutzen. Statistik ist zum Beispiel ein Bereich, in dem Studenten oft Probleme haben und wo man die Technologie, mit Grafiken, Video oder Animationen, einsetzen kann, um die Lehre wirklich zu unterstützen.

Warum wird e-Learning in der Hochschulbildung nicht mehr – und einfallsreicher – genutzt?

Da gibt es viele Gründe. Die Entwicklung von e-Learning bedeutet zusätzliche Arbeit, und forschende Hochschullehrer treffen sehr rationale Entscheidungen über die ihnen zur Verfügung stehende Zeit. Besonders in forschungsorientierten Universitäten gibt es den Konflikt, dass versucht wird, die Lehre auf ein Minimum zu beschränken, um mehr Zeit für die Forschung zu haben. Die Professoren würden es gerne sehen, wenn die IKT so eingesetzt würden, dass sie weniger Zeit auf die Lehre verwenden bräuchten, was schwierig ist.

Aber in einigen Bereichen kann e-Learning die Unterrichtszeit anscheinend tatsächlich verringern.

Ja, aber das geschieht nur, wenn die Kurse komplett neu gestaltet werden, um die Möglichkeiten der Technologie auszuschöpfen. In den Geisteswissenschaften, oder in Bereichen, in denen mehr Diskussionen und Dialoge erforderlich sind, muss der Professor sich sowohl bei der Gestaltung des Kurses als auch bei seiner Veranstaltung im hohen Umfang einbringen. Und solange das Vergütungssystem nicht geändert wird, und die Lehre nicht ebenso – oder höher – honoriert wird wie die Forschung, gibt es keinen Anreiz für Professoren, etwas zu ändern. Das ist ein großes Hindernis, wahrscheinlich das größte.

Könnte die mangelhafte didaktische Ausbildung von Professoren ein weiteres Hindernis sein?

Den Professoren mangelt es an pädagogischer Schulung, daher sind sie in keiner guten Ausgangslage, um ihre Lehrtätigkeit zu überdenken. Es gibt zwei Wege zur Lösung dieses Problems. Der eine ist, von den Professoren eine didaktische Ausbildung zu verlangen, was wieder mit dem Problem der Forschung kollidiert. Wenn man eine Lehrqualifikation von ihnen fordert, gehen sie wahrscheinlich zu einer anderen Universität, die dies nicht verlangt. Das ist ein systemweites Problem. Und um das System zu ändern, müsste der Staat eingreifen, und das mögen die Universitäten nicht.

Eine professionelle Lehrqualifikation für Professoren scheint nicht sehr realistisch zu sein... Was ist der zweite Weg zur Beteiligung von Akademikern an der Entwicklung des e-Learning?

Die Alternative zur Ausbildung ist für viele Professoren gleichermaßen unakzeptabel und besteht darin, mit professionellen Pädagogen, Unterrichtsgestaltern und Technikern, wie Webprogrammierern, im Team zusammenzuarbeiten. Mir scheint das der beste Weg für ihre Beteiligung an der Entwicklung des e-Learning zu sein. Sie müssen dann keine Experten für alles sein, sondern sich auf ihr Fachgebiet konzentrieren und darauf, wie sie es am besten lehren können, dabei jedoch offen für Vorschläge der Unterrichtsgestalter zur Umgestaltung ihrer Lehrtätigkeit zum Zweck der Einbindung der Technologie sein.

Und was ist mit den Studenten? Manche Studien zeigen, dass Universitätsstudenten e-Learning nur als Werkzeug betrachten, um das Lernen auf entfernte Gebiete auszudehnen, jedoch nicht als eine gute Lernmethode.

Sie müssen sich klarmachen, dass das e-Learning noch sehr jung ist. Die ersten Internetkurse begannen erst 1996. Es ist nicht überraschend, dass die breite Öffentlichkeit und die Studenten sich ihres Potenzials nicht voll bewusst sind. Außerdem kommt es auch darauf an, wen Sie fragen. Wenn Sie Studierende im Hauptstudium fragen, sehen diese e-Learning als nützliches Werkzeug, wollen aber nicht, dass es den persönlichen Kontakt mit dem Professor ersetzt. Sie mögen den sozialen Aspekt. Deswegen gehen sie zur Universität.

Haben arbeitende Lernende dieselbe – lassen Sie es mich so ausdrücken – skeptische Haltung zum e-Learning?

Ich habe ein Beispiel, das Ihre Frage illustriert. Die Studiengebühren in Kanada sind gerade gestiegen, sie betragen jetzt etwa 3000 Euro jährlich. Deshalb suchen sich viele Studenten Teilzeitjobs, und sie kümmern sich um e-Learning, weil es ihnen die Flexibilität ermöglicht, um ihre Teilzeitjobs herum zu arbeiten. Wenn sie Unterricht verpassen, können sie ihn wieder aufholen, indem sie online gehen. Und wenn sie arbeitende Menschen fragen, würden die meisten von ihnen lieber e-Learning nutzen als einen Campus besuchen zu müssen.

Das ist für mich ein Schlüsselaspekt. Es gibt viele Fachleute, die ihre Kenntnisse auf den neuesten Stand bringen müssen, und e-Learning ist ein ausgezeichneter Weg, um dies zu erreichen. Aber es scheint, dass sich nur wenige seines Potenzials bewusst sind.

Der Grund, warum viele das nicht erkennen, ist, dass es im Moment kein sehr umfangreiches Angebot gibt. Aber der Markt für berufliche Fortbildung würde auf Online-Programme reagieren, wenn sie von angesehenen Universitäten angeboten würden. Und das Problem ist, dass die angesehenen Universitäten, die Forschungsuniversitäten, auf dem Gebiet des lebenslangen Lernens nicht viel geleistet haben, weil sie es als zusätzliche Arbeit betrachten. Der Kniff wäre es also, ein ökonomisches Modell zu schaffen, mit dem man mehr Professoren an die Universitäten bringt, die aus beruflichen Fortbildungsprogrammen bezahlt werden. Diese Professoren müssen dann wirklich aus Studiengebühren bezahlt werden und ihre Studenten die volle Studiengebühr bezahlen. All das Geld kann dann an den universitären Fachbereich zurückfließen, so dass neue Professuren geschaffen werden können. So sollte das e-Learning den vorhandenen Professoren keine zusätzliche Arbeit machen. Und für die Fachbereiche wäre es ein Anreiz, sich mit e-Learning zu beschäftigen. Dieser Markt ist noch nicht gut erforscht, sicher nicht in Europa.

In welchem Ausmaß kann e-Learning standardisiert und in verschiedenen Kontexten wiederverwertet werden?

Da bin ich skeptisch. Es gibt einige Inhalte, die standardisiert werden können, Mathematik und Physik wahrscheinlich. Das Problem sind nicht die Inhalte. Ein großer Teil der Lehre beruht auf kulturellen und sozialen Grundlagen. Im industriellen Wirtschaftsmodell, in dem es Hierarchien gibt, funktioniert ein Übertragungsmodell für Informationen sehr gut, weil die Information von oben kommt, sie wird nicht in Frage gestellt. Besonders in sehr großen Universitäten gibt es eine vergleichbare Hierarchie, es gibt Professoren, Dozenten, Forscher, Studenten und so entspricht das Übertragungsmodell dem einer Industriegesellschaft.

Ich nehme an, Sie geben diesem Modell keine große Zukunft ...

Wenn man sich auf eine wissensbasierte Gesellschaft zu bewegt, wenn man mehr individuelle Verantwortung für das Lernen und das lebenslange Lernen braucht und sich ständig für die Arbeit weiterbilden muss, dann braucht man eine andere Art der Lehre. Man muss sich in Richtung Problemlösung und Fallstudien bewegen. Es ist eine andere Art, beispielsweise Physik zu lehren, bei der die Physik ein Mittel zum Zweck wird, kein Selbstzweck. Besonders in den beruflichen Bereichen wird es interdisziplinärer, mehr themen- und problemorientiert als inhaltsorientiert.

Was wären ihre Empfehlungen an Universitäten, die sich im Bereich e-Learning zu engagieren wünschen?

Ich denke, die Universitäten müssen Entwicklungsphasen durchlaufen. Die erste ist, was ich „die einsamen Reiter“ nennen würde, von der Technologie begeisterte Einzelpersonen, die auf eigene Faust damit arbeiten und experimentieren. In der zweiten Phase beginnen die „einsamen Reiter“, Druck auf die Universitätsleitung auszuüben, um Unterstützung und Ressourcen zu bekommen. Darauf folgt eine dritte Phase rasanter, unkoordinierter Aktivitäten, in der überall viele Dinge geschehen, aus denen zahlreiche Probleme resultieren. Dies führt zur vierten Phase mit Fokussierung, Taktiken und Prioritäten. In dieser Phase beginnt die Institution, strategisch zu denken: Welches sind die für e-Learning am besten geeigneten Bereiche? Welchen Strategien sollten wir folgen? Welche technische und pädagogische Unterstützung benötigen die Professoren? Die fünfte und letzte Phase wäre eine nachhaltige und qualitativ hochwertige Nutzung des e-Learning in ausgewählten Bereichen oder für bestimmte Zielgruppen.

Was würden Sie Institutionen raten, die sich in unterschiedlichen Phasen dieser Entwicklung befinden?

Ich denke, die meisten Institutionen befinden sich in der dritten Phase, der der unkoordinierten Aktivität. Mein Rat wäre es, einen Prozess in Gang zu setzen. Damit meine ich die Einsetzung eines Ausschusses, der Strategien und Prioritäten erörtert und einen Plan für das e-Learning erarbeitet. Zweitens sollten sie sicherstellen, dass das für die Durchführung erforderliche Personal fest angestellt wird. Eines der großen Probleme ist, dass Programmierer und Unterrichtgestalter auf Auftragsbasis beschäftigt werden. Sie leisten gute Arbeit, beginnen zu lernen, und dann läuft der Vertrag aus, und sie bekommen irgendwo anders einen Job. Es ist deshalb wichtig, eine entsprechende Personalpolitik zu betreiben und diesen Leuten eine klare Karrierestruktur zu bieten.

Was ist wichtiger, die von der Institution erarbeiteten Strategien oder die Bereitschaft einzelner Professoren?

Es ist sowohl ein Top-Down- als auch ein Bottom-Up-Prozess. Die Institution muss Strategien vorgeben. Aber es muss auch etwas von den Professoren kommen. Wenn die Akademiker sich nicht mit e-Learning beschäftigen wollen, dann wird es kein e-Learning geben.
Auf der Persönlichen Homepage von Tony Bates gibt es viele nützliche Informationen über seine Aktivitäten und Publikationen.

Lesen Sie auch den Artikel Virtuelle Modelle europäischer Universitäten, um sich einen umfassenden Überblick über die Situation des e-Learning an den Hochschulen zu verschaffen.

Auf der Persönlichen Homepage von Tony Bates gibt es viele nützliche Informationen über seine Aktivitäten und Publikationen. Lesen Sie auch den Artikel Virtuelle Modelle europäischer Universitäten, um sich einen umfassenden ?berblick über die Situation des e-Learning an den Hochschulen zu verschaffen.

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